Adventliches

Erster Advent

Eine schöne Adventszeit wünscht die Fachschaft Religion

Der Himmel ist offen

Staunen ist riskant. Wer staunt, fällt auf. Fällt mit groß geweiteten Augen, offenem Mund, hängenden Schultern und erstarrter Bewegung aus der Rolle des Gewöhnlichen. Aller Souveränität und Selbstsicherheit beraubt steht er da, im Moment verloren.Mit Staunen reagieren wir auf etwas Unerwartetes und es lässt uns verwundert, voller Respekt oder auch Achtung sein. Staunen führt zu einem Mix aus Freude, innerer Erregung und Konzentration. Wer staunt, ist ergriffen und irritiert von dem, was ihm begegnet.Manchmal ist das peinlich. Aber nicht zu ändern. Denn wer verstehen will, muss den Panzer der Wirklichkeitsverkürzung durchbrechen, der den Staunenslosen auf sich selbst reduziert. Er muss sich angreifbar machen, sich treffen und berühren lassen und die Wahrheiten der Welt , mit denen er sein Leben lebt, als Vorletzte sehen lernen. Staunende sind aufgeschlossen, nehmen es als Möglichkeit hin, dass die Wirklichkeit nicht nur auf das Nächstliegende und Offensichtliche beschränkt ist. Sie sind nicht Mainstream orientiert, sondern lassen es zu, dass Gewissheiten über den Haufen geworfen werden und sie ins Stottern bringen lässt. Damit ist das Staunen der Feind aller religiösen wie politischen Fundamentalisten, weil es ihnen sagt: Es gibt mehr, als dich dein Weltbild glauben machen will.Weihnachten ist ganz dieses irritierende, aus der Fassung bringende, unbändige Staunen hin angelegt, das Konventionen sprengt und das Gewohnte durcheinanderwirft. Mehr Mut zum Staunen wäre es schönes Weihnachtsgeschenk. Sich anrühren lassen von etwas, das größer ist als alles Bekannte. Das Raum schenkt und Gelegenheit, sich selbst jenseits aller kleinlichen Egozentrik neu kennen zu lernen und den eigenen Horizont weitet.Der Himmel ist offen, wenn man lernt, ihn offen zu sehen – ob religiös oder nicht. Und dann ist auch „Boah ey“ einer der vielen Namen Gottes.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von: Matthias Drobinski, „Der Himmel ist offen“, aus: Mut zur Unsicherheit, SüddeutscheZeitung 24.12.2019, in: Andere Zeiten e.V., Initiativen zum Kirchenjahr, Hamburg 2020)